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„Geh ich auf Greifswald zu, so packt mich das Grauen”, soll der Humanist Ulrich von Hutten über die Stadt Anfang des 16. Jahrhunderts geschrieben haben. Ferdinand Sauerbruch, der bekannte Chirurg, dachte angesichts des rauhen Klimas und der grauen Stadt am Meer an sein gerade verlassenes Breslau, während der 1910 bestallte Universitätszeichenlehrer Adolf Kreutzfeldt die Fahrt auf Kopfsteinpflaster vom Bahnhof zum Hotel in kalter Wintersnacht nur mit einer Episode aus Gogols Roman „Tote Seelen” vergleichen wollte.
„Ich will nicht behaupten, dass sie mir sehr interessant gewesen ist”, so äußerte sich 1904 Theodor Heuss über Greifswald anlässlich seiner Bildungsreise durch vorpommersche Städte und Dörfer. Für einen tiefergehenden Blick des späteren ersten Bundespräsidenten in die an Ereignissen reiche Stadtgeschichte blieb dem eiligen Besucher wohl nicht recht die Zeit.
Greifswald hat seinen Namen sicher daher, dass es als Siedlung in einen Wald hineingerodet worden ist. Ob in diesem Wald ein solcher Vogel wie der sagenumwobene Greif- „Vagel Grip”- gelebt hat, muss bezweifelt werden, doch kann es als sicher gelten, dass Greifvögel hier in der Nähe fischreicher Gründe ihre Nester hatten. Möglicherweise ist „grypeswolde” auch so zu deuten, dass damit ein Siedlungsvorgang beschrieben wird. Das Wappen der Stadt weist Greifswald als eine dem pommerschen Herzogshaus- dem Greifengeschlecht- zugehörende Siedlung aus. Seit der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts führten die pommerschen Herzöge in ihren Siegeln den Greif. Das erste Stadtsiegel Greifswalds zeigt den Vogel als Wappentier.
Greifswald liegt an einem kleinen Fluss mit Namen Ryck (slawisch Rjeka = Fluss), der auch heute noch mit dem sich nach Norden erstreckenden Sumpfland die Stadtgrenze bildet. Ein unter dem Sumpf liegender Salzstock lässt Solwasser austreten. Salzwiesen künden noch von diesem Vorgang. Salz wurde hier wohl schon in spätslawischer Zeit gewonnen. Die Zisterzienser aus Dargun hatten das Recht der Salzgewinnung am Ende des 12. Jahrhunderts erhalten. Folgerichtig gründeten die Mönche des Zisterzienserklosters Hilda/ Eldena an dieser Stelle eine Siedlung. Das Kloster, an der Ryckmündung 5 km östlich der heutigen Stadt gelegen, war 1199 vom pommerschen Herzog und den rügenschen Fürsten privilegiert und dem Mutterkloster Esrom auf Seeland/ Dänemark mit Mönchen aus dem zu dieser Zeit zerstörten Kloster Dargun besiedelt worden. Der Klosterbesitz wurde in der Reformationszeit säkularisiert und in ein herzogliches Amt umgewandelt. Die Klostergebäude nutzte man als Mittelpunkt einer großräumig betriebenen Landwirtschaft. 1634 erhielt die Universität vom letzten pommerschen Herzog Bogislaw XIV. das gesamte Amt Eldena geschenkt. Erst in schwedischer Zeit (1648-1815) verfielen die Gebäude. Die Universität gab sie zum Abbruch frei.
C. D. Friedrich malte die Ruine mehrfach- und vor allem in verfremdeter Umgebung- als Symbol sowohl des Beständigen als des Vergänglichen. Diese Bilder waren Anlass dafür, dass die Ruine als eines der ersten Zeugnisse mittelalterlicher Baukunst im Königreich Preußen im frühen 19. Jahrhundert unter Schutz gestellt wurde. Zuvor erlitt sie das Schicksal vieler Bauten früherer Zeiten: die Bewohner nutzen die Ruine als Steinbruch. Selbst Universitätsgebäude ruhen auf den Trümmern des Klosters. Ähnlich der Wartburg verbindet sich mit der Klosterruine Eldena die zeittypische romantisch- nostalgische Sicht des frühen 19. Jahrhunderts, die für den Erhalt Wesentliches beitrug. Heute finden im südöstlich gelegenen, noch gut erhaltenen Refektorium Freiluftkonzerte statt.
Die Salzsiedlersiedlung am Mittellauf des Rycks wurde auf einem kleinen erhöhten Geschiebelehmkern angelegt, auf dem auch sehr bald die erste Pfarrkirche St. Marien in Holz entstand. Dieser Marktort entwickelte sich offenbar recht gut, denn 1241 ist die Abhaltung eines beständigen Marktes wahrscheinlich.
Außer dem sicher schon betriebenen Seehandel ist die Grenzlage der zum Herzogtum Pommern- Demmin gehörenden Marktsiedlung gegenüber dem Fürstentum Rügen an der Handelsstrasse nach Stralsund als Entwicklungsfaktor zu nennen. Vom Kirchturm aus kann man die Entwicklung der Gründungsstadt verfolgen: Um die in östlicher Richtung sichtbare Marienkirche herum entstand die erste Siedlung, deren Spuren durch die Archäologen bis etwa auf das Jahr 1230 zurückverfolgt werden können. 1249 wechselte die Herrschaft über diesen rasch aufwachsenden Marktort. Die pommerschen Herzöge bewogen den Abt von Eldena dazu, die Rechte an der Siedlung abzutreten, und bewidmeten sie 1250 mit dem Lübischen Stadtrecht.
Die Stadt liegt in einem Halbrand südlich des Flusses Ryck. Eine auch heute noch in ihren einzelnen Bestandteilen erkennbare Befestigungsanlage (Mauer, Graben, Wall, Graben) schützte die Stadt. Charakteristisch für die Bebauung sind die Giebelhäuser der Backsteingotik (Markt 13), der Renaissance (Rathaus) und des Barocks (Universitätshauptgebäude als Traufhaus) in den Hauptstrassen und am Markt, während in den Nebenstrassen und besonders auch in der Neustadt um St. Jakobi herum Traufhäuser zumeist in Fachwerkbauweise stehen. Die Grundstücke sind langgestreckt und haben zumeist ausser dem Vorderhaus eine anschließende Hofbebauung, die nur halbseitig ausgeführt wurde. Zum Hafen herunter finden wir traufständige, langgestreckte Speichergebäude, deren Giebel zumeist wiederum auf eine mit Pferdefuhrwerken zu befahrende Hauptstrasse weisen.
Um diese Zeit wurde sicher mit dem Bau der backsteinernen Hallenkirche St. Marien begonnen, die mit ihrem chorlosen Ostabschluss und ihrer gedrungenen Gestalt westfälische Vorbilder hat. Die ersten Siedler stammten aus Westfalen, dem Niederrheingebiet und Niedersachsen. Ihre reich gegliederte Ostfassade, die aus dem 15. Jahrhundert stammende St. Annenkapelle im Süden und die Westvorhalle am Turm sind ebenso bemerkenswert wie die im Innern im Zustand von 1380 restaurierte, in ihrer Größe und Geschlossenheit imponierende dreischiffige Halle. Der Sühnestein für Heinrich Rubenow, den Begründer der Universität, erinnert an jene Bluttat, die Silvester 1462 geschah- der erfolgreiche Kaufmann und Greifswalder Bürgermeister wurde durch einen Handwerksgesellen erschlagen. Die Familie des Mörders musste den Stein aufstellen lassen.
Ausgehend vom Quartier um St. Marien wurde die Siedlung erweitert. Die Altstadt gewann durch die zunächst hölzernen, dann backsteinernen Bauten und Fachwerkhäuser Gestalt. Der Handel, zunächst unmittelbar am Hafen betrieben, verlagerte sich auf den Marktplatz hinter die schützende Stadtmauer. Dieser wurde zum repräsentativen Ort. Er lag an der Ost- West- Strasse, während von ihm nach Norden die Strassen zum Hafen ausgingen. Der ursprüngliche Altstadtraum war aber im 13. Jahrhundert rasch ausgefüllt.
Ein zweiter Siedlungskern, möglicherweise zunächst als Konkurrenz zur Altstadt geplant, entstand um die gleichzeitig begonnene Kirch St. Jakobi. Vom Domturm aus gesehen erstreckt sich die Greifswalder Neustadt nach Westen hin. Die Grenze zwischen beiden Städten ist heute noch in der Langen Strasse in Höhe der C.- D.- Friedrich- Strasse zu erkennen. An dieser Stelle verjüngt sich die Strasse nach Osten hin um etwa 1, 50 m. Unmittelbar an der westlichen Grenze wurde St. Nikolai als deren zweite Pfarrkirche, wohl um 1260 als Halle begonnen, erbaut. Sicher waren beide Städte jeweils mit Palisaden und Graben befestigt. Beide Städte Greifswald haben sich rasch entwickelt, denn der Bau von drei Pfarrkirchen fast zur gleichen Zeit legt beredtes Zeugnis für die Baudynamik und die Opferbereitschaft ab.
Die Nikolaikirche wurde im 13. Jahrhundert als backsteinerne Hallenkirche begonnen und um 1330 als dreischiffige Basilika nach dem Vorbild der Lübecker Marienkirche vollendet. Der Turm überragt seither mit fast 100 Metern alle anderen Gebäude der Stadt. Ursprünglich war der mit einem gotischen Helm abgeschlossene Turm 120 m hoch und diente auch als Orientierungszeichen für die Schifffahrt. Die heutige Turmspitze entstand nach mehrmaliger Zerstörung des gotischen Helms 1653 in Form eines holländischen Barockaufsatzes mit Kuppeln und Laternen. Das Innere der Kirche wurde 1824- 1833 vom Schinkelschüler C. G. Giese klassizistisch verändert und mit weißem Putz versehen. Zeugnisse der Stadt-, Universitäts-, und Kirchengeschichte sind die zum Teil wertvollen Familiengrabstätten. Wenn man durch den südlichen Turmeingang das Innere betritt, befindet sich rechts der „Ratsstuhl” oder auch die „Bürgermeisterkapelle”, die als Versammlungsraum des Rates genutzt wurde. In den noch vorhandenen Wandschränken wurden die Urkunden der Universität und des Kollegiatstifts aufbewahrt. In unmittelbarer Nähe hängt das Rubenowbild. Dieses Ölgemälde auf Eichenholz aus dem Jahre 1460 ist ein Auftragswerk des Bürgermeisters und Universitätsgründers Heinrich Rubenow. Er ließ es zum Andenken an die Freunde und Kollegen, die ersten Gelehrten der „alma mater grypheswaldensis”, malen. Die letzte Restaurierung der Kirche erbrachte einen reichen Befund an Wand- und Deckenmalereien in hoher Qualität, vornehmlich dem 15. Jahrhundert zugehörig und besonders im südlichen Seitenschiff und im Chorumgang zu finden.
Schaut man vom Domturm in östlicher Richtung, so entdeckt man südlich der Mühlenstrasse- an der heute noch vorhandenen Stadtmauer gelegen- die Reste des Grauen Klosters der Franziskaner (seit 1242 in der Stadt). In diesem im Süden von der Wallanlage und im Norden durch die Mühlenstrasse begrenztem Areal findet man jetzt das Pommersche Landesmuseum.
Vom Kirchturm aus erscheint der Marktplatz in der östlichen Altstadt groß. Dies verweist auf die besondere Bedeutung des Handels für die Wirtschaft Greifswalds im Spätmittelalter. Am hansischen Fernhandel waren die Kaufleute der Stadt seit der Mitte des 13. Jahrhunderts sehr aktiv beteiligt. Der heutige Hafen gibt keine Vorstellung mehr von dem großen Anteil des Fernhandels und der Hafen- und Seewirtschaft an der städtischen Entwicklung. Schon die großen Schiffe der Hansezeit, die Koggen und Hulke, hatten Schwierigkeiten, nach Greifswald zu kommen. So wurden sie auf der Reede geleichert. Außer Salz konnten die Greifswalder Kaufleute vor allem Produkte der Landwirtschaft, besonders Getreide, Mehl und Malz, aber auch Bier exportieren. Mühlen in der Stadtmark gab es mehrere, eine noch voll intakte Holländermühle ist an der Strasse nach Stralsund bei der Steinbecker Vorstadt gelegen. Aus der Hansezeit stammen nur noch wenige Häuser in der Stadt. Das wohl bekannteste und in jedem Standartwerk über Backsteingotik zu findende Gebäude ist ein Kaufmannshaus an der Marktostseite (Markt 11).
Das auf dem Marktplatz befindliche Rathaus- 1349 erstmals als „Kophus” erwähnt- besitzt ein gotisches Kellergewölbe. Im Rathaus tagten wohl 1361 auch die Ratssendboten der wendischen Hansestädte, als sie über die Freveltat des dänischen Königs Waldemar IV. Atterdag berieten. Das Ergebnis war, dass die Städte den Überfall des Königs auf die hansische Schwesterstadt Visby auf Gotland sühnen wollten. Die Greifswalder Konföderation führte zu kriegerischen Handlungen, die aber zunächst für die Städte kläglich verliefen. Erst die Kölner Konföderation von 1367, an der die Greifswalder zunächst nur verhalten, dann aber durchaus kräftig mitwirkten, brachte den Stralsunder Frieden von 1370. Greifswald erhielt wie die anderen Hansestädte erneut Zugang zum dänischen Markt und seinen Bornholmhandel bestätigt. Der Handel und die Kaufleute bestimmten über Jahrhunderte die Greifswalder Wirtschaft.
Die Universitätsgründung geht auf das Bemühen des bereits erwähnten Kaufmanns und Bürgermeisters Heinrich Rubenow, der selbst ein Universitätsstudium absolviert hatte, zurück. Er nutzte die Zwietracht zwischen Universität und Stadt in Rostock und holte einige Rostocker Professoren in den dreißiger Jahren des 15. Jahrhunderts nach Greifswald. Dieser Zuzug belebte die Wirtschaft und hob das Ansehen der Stadt und das der pommerschen Herzöge. In beiden gewann Rubenow nun in seinem Wirken beim Papst Fürsprecher. 1456 konnte das „studium generale” eröffnet werden, und schon unter den ersten Studenten fanden sich neben Pommern nicht wenige Skandinavier.
Das Rubenow- Denkmal, zur Vierhundertjahrfeier der Gründung 1856 errichtet, ist ein typisches Zeugnis seiner Zeit. Die an den Ecken sitzenden vier Figuren symbolisieren die Fakultäten zur Gründungszeit- die Theologische, Philosophische, Medizinische und Juristische-, und gleichzeitig sind es Porträts hervorragender Universitätsgelehrter, die an der Greifswalder Hohen Schule gewirkt haben: J. Buggenhagen, E. M. Arndt, F. A. G. Berndt, D. Mevius. Die dazwischen in Nischen stehenden Ganzfiguren werden mit den darunter befindlichen Wappen als diejenigen Gestalten gekennzeichnet, die die Universitäts- und damit auch die Stadtgeschichte mitgeschrieben haben. Nach Süden in mittelalterlicher Rüstung der pommersche Herzog Wartislaw IX., der die Gründung unterstütze und durch Schenkungen teilweise mitdotierte; nach Osten der letzte pommersche Herzog Bogislaw XIV., 1637 verstorben, der 1634 mit der Übereignung des Amtes Eldena an die Universität den Landbesitz der Alma Mater derart erweiterte, dass sie bis 1873 weitgehend ohne Zuschüsse des Staates auskam; nach Norden der schwedische König Friedrich I., in dessen Regierungszeit der Neubau des heutigen Universitätshauptgebäudes fiel; nach Westen der preußische König Friedrich Wilhelm III., unter dessen Regierung Greifswald und die Universität preußisch geworden sind.
Das Universitätshauptgebäude wurde in der Zeit zwischen 1746 und 1750 auf den Grundmauern seines Vorgängers errichtet. Die spätbarocke Aula gehört zu den wenigen erhaltenen Beispielen in Norddeutschland. In ihr finden sich der Rektorstuhl sowie zahlreiche Professorenportraits. Der Konzilsaal beherbergt eine für die Universitäts- und Geistesgeschichte Pommerns wichtige Porträtsammlung.
Nach Süden wurde Ende des 19. Jahrhunderts das Auditorium Maximum angebaut. In dieses Gebäude verlegte man den Karzer, das Studentengefängnis. Er ist heute einer der wenigen gut erhaltenen Karzer Deutschlands. Neben zahlreichen Spezialsammlungen hat die Universität Kulturschätze von Rang in ihrem Besitz: die Gründungsbulle, die Rektorzepter des 15. Jahrhunderts, den Rektormantel des 16. Jahrhunderts, eine Gutenbergbibel und Teppiche aus dem 16. Jahrhundert, darunter der berühmte Croy- Teppich mit der Darstellung der sächsischen und pommerschen Fürstenfamilie anlässlich der Vermählung Herzog Philipps I. von Pommern- Wolgast mit Maria von Sachsen, in Anwesenheit der großen drei Reformatoren Luther, Melanchthon und Bugenhagen. Aus der pommerschen Landesuniversität wurde in schwedischer Zeit die älteste schwedische Universität. Die Stadt kam während des Verlaufes des Dreißigjährigen Krieges unter schwedische Obhut, nachdem Gustav Adolph Wasa die Wallensteinschen Truppen, die von 1627 bis 1631 in Greifswald lagen, zurückdrängen und vernichten konnte. Eine Plakette am südlichen Seitenschiff des Domes erinnert an den als „Beschützer der evangelischen Christenheit” apostrophierten König. Die schwedische Zeit hat in Greifswald nur wenig Spuren hinterlassen. Am Universitätshauptgebäude ist das schwedische Königswappen im Zusammenhang mit dem pommerschen Herzogswappen erkennbar. Dies macht auch die beschränkten Möglichkeiten des Monarchen deutlich. Der schwedische König führte den Titel des Herzogs von Pommern, doch die Stände in Schwedisch- Pommern ließen sich wenig sagen. Der Besitz war ohnehin umstritten. So belagerte der Große Kurfürst von Brandenburg Greifswald 1659, und 1678 trafen bei einer erneuten Belagerung preußische Kugeln die Kirche St. Marien, die heute im Innern sowie im Osten und Südosten an der Außenseite noch sichtbar sind. Von 1715 bis 1721 lag während des Nordischen Krieges eine dänische Besatzung in der Stadt. Auch unter dem Siebenjährigen Krieg hatte Greifswald zu leiden. 1806 fand in Greifswald ein Landtag statt, auf dem der schwedische König die Befreiung der Bauern in Schwedisch- Pommern von der Leibeigenschaft verkündete. Dies geschah u .a. unter dem Einfluss einer Denkschrift von E. M. Arndt, der sich besonders durch seine Publizistik während der Befreiungskriege gegen Napoleon hervorgetan hatte. Der Einmarsch der französischen Truppen 1807 beendete die schwedische Zeit in Greifswald und brachte durch dreimaliges Einlager bis 1813 vielfache Beschwerung und Zerstörung. Die Durchnummerierung der Häuser in den Strassen und die Beleuchtungspflicht für nächtliche Gänge ist in diese Zeit zurückzuführen.
Nach dem Wiener Kongress 1815 fiel Pommern an Preußen. Die Gunst der Bildungskonjunktur nutzend, stieg die Greifswalder Universität am Ende des 19. Jahrhunderts zu einer der modernsten preußischen Universitäten auf. Die preußische Zeit hinterließ im Gesamtbild die nachhaltigsten Veränderungen. Der Anschluss an das preußische Strassennetz (1833- 1836) und an die Eisenbahnlinie Berlin- Stralsund (1863) brachte eine neue Zeit, in der die verschlafene Stadt mit hohem Bautempo stark in Struktur und Ansehen verändert worden ist. In der Altstadt wurden Häuser um- und ausgebaut. Das typisch preußische Postgebäude am Südrand des Marktplatzes verdrängte fünf Giebelhäuser und ist Prototyp für die einschneidenden Stadtbildveränderungen, die nur mit den Eingriffen der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts verglichen werden können. Die großen Kaufhäuser am Markt und in der Langen Strasse gegenüber dem Rathaus etwa, oder das Haus Markt 12, sind weitere Beispiele.
Greifswald kann sich rühmen, Otto von Bismarck, den nachmaligen ersten deutschen Reichskanzler, während seiner Einjährig- Freiwilligenzeit 1838 in seinen Mauern beherbergt zu haben. Eine Gedenktafel lässt sich am Haus Bachstrasse 42 finden. Bismarck besuchte in dieser Zeit die der Universität angeschlossene wirtschaftliche Akademie in Eldena (Hainstrasse). Die Industrialisierung schob die Stadtgrenzen nach Süden und Osten vor. Für die damaligen Bedürfnisse charakteristische Wohngebiete entstanden. Die vornehmlich im frühen 20. Jahrhundert bebauten Ansiedelungen (Obstbau-, Stadtrandsiedlung) sind einem anderen Konzept verpflichtet als die Großvillensiedlung im sogenannten Theaterviertel. 1915 wurde der Doppelbau Theater und Volkshaus eröffnet. Der Einfluss der Universität auf Greifswalds Geschichte blieb groß genug. Die Industrialisierung versiegte schon in ihren ersten Anfängen in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Das Jahr 1945, für viele Städte Deutschlands ein einschneidendes Datum, brachte Greifswald die kampflose Übergabe ab die Rote Armee. Der letzte Kampfkommandant der Deutschen Wehrmacht, Rudolf Petershagen, und der Entschluss vieler Verantwortungsträger in Stadt und Universität ersparte Greifswald Zerstörung und Leiden. Die Stadt quoll zu dieser Zeit über von Menschen. Die nächsten Jahre sahen in den Mauern nicht nur die sowjetische Besatzungsmacht, sondern Tausende von Flüchtlingen, Aus- und Umsiedlern. Das äußere Bild der Stadt blieb aber unverändert. Fehlende Finanzmittel und eine falsche Grundorientierung in der Baupolitik, die Altstadtsanierung als Nebensache ansah, führten zum dramatischen Verfall der Altstadt zu DDR- Zeiten. Die dann Anfang der siebziger Jahre als Pilotprojekt begonnene komplexe Altstadtsanierung glich in der ersten Bauetappe einem Flächenbombardement. Die entstandenen Quartiere um St. Marien veränderten den Baubestand tiefgreifend und unumkehrbar. Die Uniformität wird trotz des Bemühens um architektonische Anpassung nicht gemildert. Die seit der Wende verfolgten Konzepte sehen ein behutsameres Vorgehen vor. Greifswald sucht ein neues Selbstverständnis.
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